Eine Stunde Busfahrt von Athen entfernt liegt Menidi oder auch Acharnes. Hier kondensieren die griechischen Probleme - die auch europäische sind. Ein Blick in die Zukunft unserer Städte.

An der Peripherie Athens wächst seit einigen Jahrzehnten ein Koloss heran. Acharnes ist ein Viertel aus atemberaubender Natur und menschlichen Abgründen. In diesem eigentlich unwirtlichen Spannungsfeld hat sich die multiethnische Bevölkerung auf kuriose, berührende und bisweilen rigorose Weise ihren Lebensraum geschaffen. Ein Spaziergang.

Manchmal überrascht sein Bezirk sogar Thanassis Katsigiannis, Generalsekretär der Stadtverwaltung, selbst. Ein breiter Straßenabschnitt direkt neben dem Rathaus war an Wochenenden und Feiertagen von Jugendlichen für Autorennen in Beschlag genommen worden. Kriminelle Jugendgangs sind ein Problem in Acharnes. Also stellte die Verwaltung an diesen Tagen metallene Straßensperren auf. Und am nächsten Wochenende kamen statt tiefergelegter Kleinwagen, Familien mit Picknickdecken und Kinder auf Rollern, aus der Rennstrecke wurde ein Ausflugsgebiet. Obwohl Acharnes so groß und nah an der unberührten Natur des Parnes-Gebirges ist, gibt es kaum Freiflächen für die Bürger. Da hilft es eben manchmal, kreativ zu werden.

Acharnes City Hall

Katsigiannis ist ein gutmütiger Mensch. Er ist selbst im Viertel aufgewachsen, hat dann Karriere in der Hauptstadt gemacht, Parlamentarier, Beauftragter für deutsch-griechische Beziehungen. Er spricht ein geschliffenes, fast akzentfreies Deutsch. Und ist doch, angegraut und welterfahren, zurückgekommen in den Bezirk, dessen Schicksal ihn nie so recht losgelassen hat. So viel Potenzial gibt es hier! Überdurchschnittlich viele junge Menschen. Größter Pflanzenreichtum in Griechenland. Die Ausgrabungen alter byzantinischer Kirchen und antiker römischer Stadtstrukturen. Mehrere Olympiasieger im Gewichtheben – eine ganze Handvoll erfolgreicher Sportler sitzt im Gemeinderat. Es gibt so viele Schulgebäude, dass kein Kind wegen Doppelbelegung zum Nachmittagsunterricht ausweichen muss. Und erst die Errungenschaften in der Integration: der zweite Bürgermeister ist ein Rom.“Das glauben sie mir gar nicht“, sagt Katsigiannis und strahlt.

Auf der anderen Seite hat das Viertel  aber alle Charakteristika, die ein Problemviertel an der Peripherie einer Großstadt eben plagen: viel Kriminalität, wenig Arbeit und leere Stadtkassen. In Athen gibt es ein rassistisches Wort. Sagt einer, er ginge „apo Menidi sto Roma“, nach Menidi zu den Roma, wissen alle, was gemeint ist. Ein Einkauf bei den Drogendealern, die so offen agieren, wie wohl an wenigen Orten in Europa.  An manchen Tagen säumen sie mit Campingtischen den Straßenrand. Sie verkaufen Sisa – eine Art billiges Crystal – oder Heroin.

Immer wieder überschlägt sich die Lokalpresse mit Berichten über unvorstellbare Drogenfunde. Am 2.Dezember sollen 7,7 Kilo Heroin im Wert von 10 Millionen Euro sichergestellt worden sein – bei nur 3 Verhaftungen. Natürlich sind weder alle Dealer Roma, noch alle Roma Dealer. Ein Lokaljournalist ist sogar der festen Überzeugung, dass hinter dem straff organisierten Drogenkartellen alteingesessene Athener Familien stecken. An dem Stigma, das dem Viertel und der Volksgruppe anhaftet, ändert das nichts.

Olympic Village

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Eine Wegmarke in Menidi ist auch das olympische Dorf. Die Ruinen der ehemaligen Wohnstätten der Spitzensportler sind eine stadtgewordene Tristesse, bewohnt von sozial schwachen Familien. Und oft nicht einmal das: weil die Eltern im Ausland arbeiten, leben die vielen Kinder bei ihren Großeltern. Einen Lichtblick bieten die Schulen.

Informal Farms

Zwischen unerlaubter Landwirtschaft und illegalem Hausbau haben sich die heimgekehrten Pontosgriechen eine Idylle am Rande des Viertels erobert. Die Bauwerke haben allerdings gelegentlich lebensgefährliche Tücken.

Kamp Kapota

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Ein altes Militärcamp bot Erdbebenopfern Unterschlupf, jetzt ist die Containersiedlung ein eigene humanitäres Problem. Und die lokale Kirche eine soziale Institution.

Avliza

Am Rande des westlichen Gettos „Avliza“ betreibt der Verein Klimaka ein Altersheim. Trotz der klammen Verhältnisse griechischer Sozialträger gibt es in Acharnes gleich mehrere Einrichtungen dieser Art. Ein gut ausgestattetes Tageszentrum für Kinder mit Behinderungen, einen kostenlosen Supermarkt für bedürftige Familien, eine Suppenküche und das gerontopsychiatrische Heim. Hier arbeitet Maria*, in Avliza aufgewachsen und nun selbst Mutter zweier Kinder. Sie zögert lange, als sie die Lage im Viertel einschätzen soll. „Ich habe manchmal Angst, meine Kinder auf die Straße zu schicken, wegen der Gewalt die sie dort mitbekommen“, sagt sie. „Aber vor zehn Jahren haben wir Roma in Zelten gelebt, jetzt haben wir Häuser. Das ist doch eine Verbesserung“. Weggehen, sagt Maria, würde sie nicht.