Eines der am schnellsten wachsenden Viertel von Acharnes ist die Romasiedlung Zefyri. Sie wohnen in Mehrfamilienhäusern mit Gartengrundstück und Wellblechhütten ohne Strom. Zu Besuch bei Marinos Karras.

„Wir verhungern“, sagt Marinos Karras, mit kein bisschen Bitterkeit in der Stimme. Es ist bloß eine Feststellung.  Eine ziemlich offensichtliche dazu. Marinos Karras hat keinerlei Interesse an Mitleid, er ist ein stolzer, alter Mann: 65 Jahre, 6 Kinder, 25 Enkel. Alle in der Schule. Einige davon wohnen im Haus nebenan, aber die meisten, also vier Familien mit zwölf Kindern, wohnen hier. In dem Haus, das er mit seinen eigenen Händen gebaut hat. Vom Geld, das er selbst im Ausland verdient hat. Marinos Karras ist Rom, wie übrigens auch Alexander der Große, das wisse kaum jemand, sei aber definitiv wahr. Er lebt in Athen, der Wiege der Zivilisation, die aus dem Volk der Roma hervorgegangen sei, auch das sei wissenschaftlich bewiesen, doch, ehrlich. Und Marinos Karras, der stolze Rom Marinos Karras, sitzt also vor seinem Haus, verliest mit den Händen die es gebaut haben wilde Kräuter, schaut den Enkeln beim spielen zu und den Frauen beim putzen, und weiß, dass in seiner alten Cordhose nur noch ein kleines Häufchen gelber Münzen klimpert.  Vier Euro und Fünf Cent. Bis zum nächsten Kindergeld dauert es noch eine Woche. Keine Milch, denkt Marinos Karras. Wenn es gut läuft, reicht es für Spaghetti und Reis. So weit ist es gekommen.

Eine Viertelmillion Roma wohnen in Griechenland. Etwa 4 000 davon in Acharnes, sagt Thanassis Katsigiannis, ein Vertreter der Stadtverwaltung. Vielerorts wohnen die griechischen Roma in erträglichen Verhältnissen. Hier, am Rand von Athen bewohnen viele eines der zwei Lager aus Wellblechhütten am Ost- und am Westende des Viertels. Ein Großteil ist in den letzten Jahrzehnten aus Bulgarien, Rumänien und Albanien zugewandert. Aber es gab schon immer Roma in Menidi.

„Früher hatten sie traditionelle Berufe, Scherenschleifen oder Möbelrestaurierung“,  sagt Thanassis Katsigiannis. Als diese Berufe aus der Mode kamen und auch die großen Fabriken aus der Region abwanderten, mussten viele Familien umsteigen. „Die meisten sind Schrottsammler und Drogenhandel ist ein Problem“, sagt Katsigiannis. Die kaputten PKW und Tuk-Tuks prägen das Athener Stadtbild. Morgens zuckeln sie mit dem ersten Berufsverkehr in Richtung Stadtzentrum. Dort werden sie mit alten Waschmaschinen und Europaletten beladen, bis selbst die Gurte und Gummiseile auf dem Dach nichts mehr halten können. Dann geht es zurück an den Stadtrand, oder eben nach Menidi.

„Es ist ja nun so: wenn sie nicht stehlen oder mit Drogen handeln, sterben sie.“  sagt Marinos Karras Und wer keine Kinder habe, gehe hier besser weg. Zumindest hat er es so gemacht, als er jung war. Hat sein Säckchen gepackt und ist nach Frankreich, dann nach Belgien gegangen.  Als er zurückkam war er 35, das gute Leben lag noch vor ihm. Er hat er sich ein Fleckchen ausgesucht und angefangen ein Haus zu bauen. Zwei Stockwerke, große Wohnküche. Mehrere Schlafzimmer, für die Jungs. Alles hat er selbst gezimmert und eingepasst. Die Türen, die Fenster. Als die Küche in der Wohnung war, war das Geld alle. Nichts übrig für Möbel, nichts für Ersatz, wenn ein Fenster zu Bruch ging. Bis vor zehn Jahren ist er dann von Markt zu Markt gefahren und hat Textilien verkauft: Teppiche, Tücher, Handtaschen. „Jetzt ist das verboten. Wenn sie auf den Markt gehen und die Polizei sieht sie sind Tsigani, kommen die, kontrollieren, dann gibt es Bußgeld“. Aber jeden Tag kämen Rechnungen und er könne sie nicht bezahlen.

Also sind die Fenster in Karras Haus mit Klebestreifen ausgebessert. Die Tür mit Holzbrettern verstärkt. Und um Besuch hereinzulassen nestelt Marinos Karras umständlich an einer Dessertgabel die die beiden  Flügel des Holztors zusammenhält. Dahinter ist ein karges, aber freundliches Wohnzimmer. Bunt bemalte Wände, in der Ecke steht ein kleiner Weihnachtsbaum. Eine Zimmerecke ist voll mit goldenen orthodoxen Ikonen, über und über behängt mit bunten Lichterketten. Und über den nackten Boden tapst eine Enkelin, barfuß, und singt ein griechisches Weihnachtslied.  „Ein Wasser?“, fragt Karras. „Keine Angst, es ist sehr sauber bei uns“

Vor vier Jahren, im Januar 2011, wurde es für einige Monate unruhig in Menidi.  Ein Polizist hatte ein junges Romamädchen angefahren und, so der Vorwurf aus der lokalen Bevölkerung, zu spät geholfen. Es gab Demonstrationen der Roma, Steine flogen auf Züge, Straßen wurden blockiert und Mülltonnen brannten. Als die Aufregung abgeflaut war, war in Menidi wieder alles beim Alten. Die Polizei schaut nur gelegentlich für eine Razzia vorbei. Marinos Karras sagt: „es ist ein ruhiger Ort zum Leben“.