Mit dem Verbot der Straßenprostitution wollte man ein Problem aus dem Viertel radieren. Eigentlich.

Nur an wenigen Orten in Deutschland ist öffentliche Prostitution verboten. Warum die Sexarbeiterinnen trotzdem geblieben sind und nun unter härteren Bedingungen und in der Illegalität arbeiten. Gespräch mit Elke Rehpöhler*, Leiterin der katholischen KOBER Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen der Nordstadt.

Frau Rehpöhler, der Strich ist weg. Wo sind die Frauen hingegangen?

Die arbeiten jetzt in den Wohnvierteln. Und der Freierverkehr läuft hier ganz schön, das merke ich auch selber. Wenn ich nach Hause gehe und stehe kurz mal am Bordstein, um rechts und links nach Autos zu schauen, kommen die angefahren und gucken.

Und das stört Sie nicht?

Nein, das finde ich nicht so schlimm. Wenn man den Blick nicht erwidert, ist das schon okay.

Die Anwohnerinnen beschweren sich.

Ja, die kommen jetzt zu uns und sagen: wir wollen den Straßenstrich wieder haben, wir wollen den Straßenstrich wieder haben. Und dann sage ich: Bitteschön, dann schreibt doch der Stadt Dortmund.

Gegen das Verbot hat eine Sexarbeiterin mehrfach geklagt und verloren, bald kommt der Fall vor das Bundesverfassungsgericht. Dabei lag der Strich in der Nordstadt sichtgeschützt auf dem Parkplatz hinter einem großen Baumarkt. Warum gab es so erbitterten Widerstand?

Na, ich will nicht leugnen, dass es zuletzt schwierig war. Seit 2007 hat eine starke Zuwanderung von Frauen aus Bulgarien mit Romahintergrund eingesetzt, die türkischsprachig sind. Hier in der Nordstadt gibt es viele türkische Vermieter, Läden, Lokale. Die wohnten also hier. Der Weg zur Ravensberger Straße war nicht weit, deswegen sind die, der Einfachheit halber, in ihrer Arbeitskleidung hingelaufen. Also sehr leicht bekleidet. Außerdem kamen jeden Tag immer mehr und mehr und mehr Frauen.

Und diese Frauen laufen jetzt alle durch die Wohngebiete der Nordstadt?

Die Frauen, die fitter sind, die mobil sind, hatten die Möglichkeit woanders hinzugehen: andere Städte, andere Prostitutionsbereiche. Die Bedürftigsten sind geblieben und bei denen sind natürlich auch die Probleme am größten. Das sind Frauen, die drogenabhängig sind, die aus Rumänien und Bulgarien kamen und fast kein Wort deutsch sprechen und auch von ihrer Art her anecken. Die kriegen kein Zimmer im Bordell, die kriegen kein Zimmer im Club und die können auch nicht mal eben in eine andere Stadt ziehen.

Was sind das für Frauen, die den Weg von Bulgarien auf sich nehmen, um sich dann in Dortmund Nordstadt zu prostituieren?

Die sind oft sehr jung. Gerade die Frauen mit Romahintergrund heiraten meist früh und wenn sie mit 20 in die Nordstadt kommen, haben sie oft schon zwei, drei Kinder im Heimatland. Manche holen später ihre Kinder nach, manche bringen sie gleich mit. Einige machen die Prostitution nur für einige Zeit, um sich erstmal was aufzubauen. Die sagen: ich will, dass es meinen Kindern besser geht.

Das klingt, als ob die meisten Frauen in der Nordstadt auf eigene Rechnung arbeiten. Sind Zwang und Ausbeutung kein Thema?

Doch, sicherlich. Aber das betrifft Frauen, die man in Wohnungen gebracht hat und denen man die Kunden dann zuführt. Da kommt man als Sozialarbeiter ohnehin nicht ran. Und mit der Freiwilligkeit darf man es sich nicht zu einfach machen.

Inwiefern?

Viele Frauen, gerade aus Osteuropa, wählen die Prostitution aus einer wirtschaftlichen Not heraus. Da kann ich ja nicht darüber urteilen und sagen: du machst das aber nicht wirklich freiwillig, hör lieber auf. Vor Allem wenn ich denen keine Alternative anbieten kann. Erstmal müssen die ja was zu essen haben.

Sind alle Sexarbeiterinnen der Nordstadt in wirtschaftlicher Not?

Das kann man nicht so sagen. Die eine ist froh, wenn sie 100 Euro im Monat nebenbei macht, die andere macht 10 000 im Monat. Das kommt drauf an wo sie arbeiten und wie sie drauf sind.

Haben Sie Kontakt zu den Frauen gehalten, als der Strich geschlossen wurde?

Ja, wir haben danach unser Streetworking fortgesetzt und sind immer in den Abendstunden durch die Nordstadt gegangen. Das lief schon erschwerter, als wenn ich da einfach einen Container auf dem Straßenstrich stehen habe und die Frauen alle reinkommen. Unser Vorteil war, dass wir die Frauen vom Straßenstrich kannten. Viele, die einfach so durch die Nordstadt gehen, würden die Frauen gar nicht erkennen.

Haben die Probleme seitdem zugenommen?

Es gibt mehr Gewalt. Die ungewollten Schwangerschaften haben zugenommen. Und unter den Bedingungen lässt sich manche vielleicht auf das eine oder andere ein, was sie vorher nicht getan hat.

Die Frauen gehen also mehr Risiken ein, wieso?

Freier und Sexarbeiterin machen sich jetzt beide, strafbar, deswegen muss alles ganz schnell gehen. Das Auto hält an, die Frau springt rein, kann sich aber gar nicht vorher ein Bild machen. Auf dem Straßenstrich hat man geredet, gehandelt und in der Zeit konnte die Frau den Kunden gut abchecken: ist der in Ordnung, will ich bei dem einsteigen oder besser nicht?

Unter anderem in der Linienstraße findet Prostitution auch in Bordellen und Laufhäusern, also hinter verschlossenen Türen statt. Muss es wirklich einen öffentlichen Raum für Prostitution geben?

Ich bin immer dafür, legale und sichere Arbeitsplätze für Sexarbeiterinnen zu schaffen. Und es gibt einfach Frauen, da kommt nur so ein Straßenstrich in Frage. Die können gar nicht woanders arbeiten. Man muss sehr gut überlegen, welche Plätze dafür infrage kommen: ein Strich muss gut erreichbar sein, mit öffentlichen Verkehrsmitteln und auch mit dem Auto. Und sichtgeschützt. Wir sind ja gar nicht dagegen, dass man sowas vernünftig reguliert und kontrolliert.

Wer soll denn so einen öffentlichen Strich regulieren? Die Polizei?

Das Ordnungsamt. In Essen funktioniert das sehr gut.

Viele Kommunen sehen das anders. Die Stadt Dortmund hat nicht nur den Straßenstrich geschlossen sondern auch ihre Fördermittel fast komplett zusammengestrichen. Sie mussten 3 ihrer Angestellten entlassen.

Ja, unsere Arbeit vor Ort, also Steetworking in der Nordstsadt, ist damit komplett weggebrochen. Zweimal in der Woche hat unser Cafe noch geöffnet, das finanzieren wir über Kirchenmittel. Und unser wichtigstes Projekt ist gerade die LOLA-APP, eine mehrsprachige Info-App für Sexarbeiterinnen.

Sie arbeiten seit mehr als 10 Jahren mit Sexarbeiterinnen, gibt es ein Schicksal, das sie besonders berührt hat?

Da fällt mir ein Fall ein. Wir hatten mal eine junge Frau, die war unglaublich tierlieb. Die hat einen Mann kennengelernt, der hatte ganz schnell raus, welche Knöpfe er bei ihr drücken muss. Der hat ihr versprochen, dass sie irgendwann eine Show haben könnte, und wie Siegfried und Roy und mit Tieren arbeiten. Ganz abstrus. Angeblich, um das Geld dafür ran zu schaffen, hat er sie dann überredet, in die Prostitution zu gehen. Das hat sie so ein gutes Jahr widerwillig mitgemacht, dann ist sie geflüchtet und zu uns gekommen.

Und hat Sie den Absprung geschafft?

Das Gute war, dass sie noch nicht so lange in dem Geschäft war. Das kann man im Lebenslauf noch gut füllen. Und sie war noch nicht so in den Milieustrukturen. Sie hat dann hier in Dortmund ihren Realschulabschluss nachgeholt und eine kaufmännische Ausbildung. Und als dann alles in geregelten Bahnen lief, dann ist sie ihren eigenen Weg gegangen. So soll es ja auch sein.

*Auf ein Foto wollte Frau Rehpöhler lieber verzichten.