An den Hängen des Parnes hat sich eine besondere griechische Minderheit ein eigenes Reich geschaffen, obwohl die Stadtplanung sie gar nicht vorgesehen hatte.

Am nordwestlichen Rande Menidis, am Rande der fruchtbaren Erde des Parnasgebirges könnte man sich in der russischen Taiga wähnen. Obwohl nur ein paar Autominuten vom Zentrum des Viertels entfernt, wohnen hier Kühe und Pferde in behelfsmäßigen Verschlägen, es gibt ganze Federtierfarmen mit Hühnern, Gänsen und Truthähnen. Nähert man sich den Höfen, bellt ein Hund. Und die Bauern und Bäuerinnen sprechen russisch, oder ein griechisch das so alt ist, dass die Stadtbewohner die Bedeutungen der Worte nur erahnen können. Hier, an der Peripherie der Peripherie, ist das Reich einer besonderen Bevölkerungsgruppe, der russischstämmigen Pontosgriechen.

Menidi war bis in die 70er Jahre hinein, ein überschaubares Viertel. Geprägt durch Industriehallen und Schrotthändler. Die griechische Industrie roch einen Aufschwung, aber man brauchte Arbeiter, auch ungelernte. In den 80er Jahren beschloss die griechische Regierung die Pontosgriechen, eine griechische Minderheit in Russland, einzuladen, sich wieder anzusiedeln. Was folgte, ist eine Blaupause der Geschichte der Russlanddeutschen Reimmigranten in Deutschland.

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Viele folgten dem Aufruf. Weil das Bauland billig und die Industrie nah war, kamen sie nach Menidi. Die Bevölkerungszahlen explodierten. Die Pontusgriechen kamen, um zu bleiben. Sie brachten ihre Familien mit, wollten sich langfristig niederlassen, Häuser bauen, kulturelle Infrastruktur schaffen. Jeweils drei oder vier taten sich zusammen, kauften eine Parzelle, die eigentlich keine Aussicht auf Baugenehmigungen hatte – und bauten trotzdem. Heute ist ein Großteil der Siedlungen der Pontusgriechen ungenehmigt, teilweise sogar außerhalb der Stadtgrenzen. Ein spezielles Verfahren erlaubt die nachträgliche Genehmigung der Bauten. Aber das lohnt kaum der Mühe.

Thanassis Katsigiannis sieht das so: „Wir haben die eingeladen, bei uns zu leben, dann konnten wir ihnen keine Häuser bieten, also haben sie für sich selbst gesorgt. Wie könnten wir ihnen das jetzt wegnehmen?“. Mittlerweile hat mehr als die Hälfte der Einwohner Menidis russlandgriechische Wurzeln. Es gab große Integrationsprobleme: das Griechisch der Ponten ist, ähnlich wie das Deutsch der Russlanddeutschen, eine alte Spielart der Sprache.

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Auch Rechtsextremismus ist, ähnlich wie bei den Russlanddeutschen Einwanderern in Deutschland, ein großes Problem. Die rechtsextreme Partei Chrysi Avgi – Goldenen Morgenröte – hat in Menidi eine starke Wählerbasis. Immer wieder stößt man beim Spaziergang durch die von Pontosgriechen bewohnten Viertel auf Grafitti, Hakenkreuze und Werbung für die Partei. Das führt auch immer wieder zu Konflikten mit den Roma, mit denen sich die Ponten das Viertel heute teilen. Als sich in den 90er und 00er Jahren abzeichnete, dass die griechische Industrie den Boom schon hinter sich hatte, schlossen die Fabriken in Menidi eine nach der anderen. Was bleibt, sind einige Manufakturen und Großhandelshallen für Blumen aus Holland und lokales Gemüse.

Elena Dimitriadou* wohnt in einem der weißgetünchten Mehrfamilienhäuser. Öffnet sie die Haustür und lauscht, hört sie ein konstantes Summen. Denn ihr Haus steht nur ein paar Schritte entfernt vom Fuß eines Pfeilers der Hochspannungsleitung, die durch Menidi verläuft. „Ist schlecht für die Natur, ist schlecht für die Gesundheit“, ist sich Dimitriadou sicher. „Wir wollen, dass die Dinger wegkommen, die sagen, sie machen das bald“. Tatsächlich, sagt Thanassis Katsigiannis aus der Stadverwaltung, ist es fast unmöglich die Stromfirma zu überzeugen, die Pfeiler zu versetzen. Das wäre auch unverhältnismäßig teuer. Realistischer wäre es, die Behausungen umzusiedeln, aber auch dass ist nicht im Budget der Stadt.

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Die Nähe zu den Starkstrompfeilern ist nicht nur ein Gesundheitsrisiko. Bei starkem Regen, wie er im Raum Attika in den Wintermonaten häufig vorkommt, wenn die Straßen zu Flüssen werden, sind die Strompfeiler ein lebensgefährliches Risiko für die Anwohner. Stehen die Häuser nicht unmittelbar neben den Pfeilern, sind sie oft in ausgetrockneten Flussbecken errichtet. In der Regensaison stehen die Keller und Erdgeschosse dieser Gebäude unter Wasser. Sogar zu Todesfällen ist es schon gekommen.

Ein paar Schritte weiter hat jemand zwischen den vier Füßen eines Starkstrommasten, einen paradiesischen kleinen Garten angelegt. Rhododendronbüsche, Apfelbäumchen und Olivenstauden leuchten im Abendlicht. Auf kleinen Beeten wachsen Tomaten, Salat und Aloe Vera. Ein kleiner gepflasterter Weg führt zu einem verwitterten Schreibtisch an einem schattigen Fleckchen unter einem Walnussbaum. Erst wenn man einige Minuten steht, merkt mann das dumpfe Gefühl im Kopf, ausgelöst von einem beständigen Summen und Brutzeln, das nicht von der Straße kommt, sondern von den Starkstromkabeln in vier, vielleicht fünf Meter Entfernung. Der behelfsmäßige Sprinkler ist gefährlich nah am Fuß des Pfeilers angebracht und die Kürbispflanzen ranken sich direkt daran nach oben.