Im ehemaligen Olympiadorf hält selten ein Bus und es gibt es nur einen Kiosk - aber zwei der besten Schulen Europas. Eine etwas andere Form von Infrastruktur.

Der Schuldirektor der 26. Grundschule, Mattheos Patrinopoulos, hat in seinem Büro ein kleines gerahmtes Bild stehen, ganz oben auf dem Schrank. Es hängt nicht an der Wand, damit man es nicht sofort sieht, wenn man das kleine Büro betritt. Aber dann und wann windet sich der kleine, mollige Mann Patrinopoulos aus den Papierstapeln und gebundenen Sammlungen von selbst entworfenen Pädagogikratgebern und Arbeitsmaterialien, den Anträgen auf EU-Förderzuschüsse für das kommende Kalenderjahr  und Evaluationsbögen für die Verwendung der Zuschüsse im letzten Kalenderjahr. Dann reckt sich Patrinopoulos nach dem Bilderrahmen, wischt mit dem Ärmel den Staub etwas beiseite und drückt den Zeigefinger vorwurfsvoll in die Magengrube des griechischen Präsidenten Karolos Papoulias. „Da“ sagt er, „rufe ich jede Woche an.“

Das Foto ist schon einige Jahre alt. Karolos Papoulias ist schon Monate nicht mehr im Amt. Patrinopoulos aber hat nicht aufgehört bei der Regierung, dem Bildungsminister und der Schulbehörde anzurufen. Er weiß, dass seine Schüler nicht eben die erste Priorität haben in Athen. Aber Patrinopoulos ist schon weit gekommen und einschüchtern lassen hat er sich noch nie.

Die 26. Schule steht an einem merkwürdigen und besonderen Ort: dem ehemaligen Olympischen Dorf, am Rand des Bezirks Acharnes, an der Peripherie Athens. Fährt man durch den Ort, wähnt man sich in einem Retortendorf in Westdeutschland. Kleine Einfamilienhäuser im Bauhausstil. Jedes mit einem Fleckchen grün drumherum. Dazu breite Alleen und Grünstreifen. Hinter jeder Ecke könnte eine Waldorfschule oder ein Bioladen sein.  Tritt man allerdings näher an die Häuser heran, verrät sich das Dorf. Die wackeligen Gartenmöbel sind aus alten Europaletten gezimmert. Von den großzügigen Balkonen bröckelt der Putz.

Die Gebäude beherbergten einst die olympischen Athleten und wurden dann zu dringend benötigten Sozialwohnungen umfunktioniert. Die Infrastruktur für ein lebendiges Viertel fehlte allerdings. Die Sportanlagen von 2004 sind nur noch atemberaubende Ruinen. Etwa 8000 Menschen wohnen heute im olympischen Dorf, gut 65 Prozent von ihnen haben keine Arbeit. Alkohol und Drogen sind ein Problem.

So sah es aus, als Patrinopoulos und sein Kollege Fotios Perris 2010 die Aufgabe bekamen, eine Schule zu leiten. Eine Art Modellprojekt stelle man sich vor, hieß es aus Athen. Integrativ, inklusiv und vor allem vorzeigbar. Wer das bezahle, fragte Patrinopoulos. Zwei Millionen Euro gebe die EU. Und Patrinopoulos fing an zu planen:  mehr Ressourcen, mehr Fächer, Schulpsychologen wären gut. Die Kinder stritten immer so viel. Astronomieunterricht, Robotik, Arbeitsgemeinschaften und ein eigenes Dokumentarfilmprojekt.

Patrinopoulos und Perris bauten eine Schulbibliothek, kauften die Roboterbaukästen, Musikinstrumente und einen Satz Teleskope. Jeder Klassenraum bekam ein Smartboard, einen interaktve digitale Tafel, die auf Handbewegungen reagiert. Sie stellten Informatiklehrer ein. Und dann forderten sie Familien auf, ihre Kinder auf die 26. Grundschule zu schicken, auch wenn die schon in allen anderen Einrichtungen gescheitert waren. Weil sie Lernschwierigkeiten hatten oder ADHS.

Es stellte sich heraus: die zwei Millionen Euro sollten sich 18 Schulen teilen. Alles Modellprojekte. Und sie sollten für fünf Jahre reichen. Die Überstunden, die durch die Extrastunden, die Projekte und die Beaufsichtigung der Bibliothek entstanden, konnte er seinen Lehrern also nicht bezahlen. Das ist zu viel verlangt, dachte sich Patrinopoulos und die Rektoren stellten ihre Lehrer vor die Wahl: gehen oder bleiben?

Sie blieben.  Der Filmregisseur, der zweimal in der Woche mit den Zweitklässlern arbeitete fand sich mit 1000 Euro ab. Aber die Arbeit hatte erst wirklich begonnen. Schulabbrecher und Analphabeten sind in Acharnes Grundschulen alltäglich. An der 26sten dürfen die Kinder nicht länger als 8 Tage fehlen, dann bekommen sie eine Vorladung und Besuch vom Direktor. Gestern erst, erzählt Patrinopoulos hat er so einen Anruf gemacht. Und erfahren, dass die Mutter des Jungen in Düsseldorf lebt. Der Junge wächst bei seinem Großvater auf.

Das wichtigste Projekt aber war eines zum Thema Wut.  „Die Hälfte der Schüler steht zu Hause enorm unter Druck. Die mussten lernen ihre Wut zu äußern.“ Im Foyer der kleinen Schule hängt ein Pfau. Er ist der Stolz zweier Sonderschüler die an die 26ste Schule kamen, an mehreren anderen Schulen abgeschrieben, als letzte Chance auf formale Bildung. Trotz der Sofaecken und Tischgruppen in den Klassenzimmern konnten die beiden im normalen Unterricht nicht in eine Routine finden. Also sammelten die Schüler 3300 Kappen alter Plastikflaschen und die beiden Problemkinder klebten daraus in konzentrierter Kleinarbeit, drei Monate lang ein riesiges Mosaik. Und lernten in einem Projekt nebenbei, was Umweltschutz bedeutet.

Wenn die beiden Rektoren durch die Schule laufen, grüßen alle Kinder im Vorbeigehen. Manche mürrisch, manche freundlich. Aber alle kennen ihre Direktoren. Die Klassenräume sind nach griechischen Autoren benannt. Auf die Stufen im Treppenhaus sollten die Kinder schreiben was ihnen die Schule bedeutet. „Hoffnung“ steht da, „Magie“, „Träumen“ und  „Solidarität“. Im Foyer basteln zwei Mütter an einem Stand für den Weihnachtsbasar mit glitzernden Lamettafäden. In der Schulkantine stehen Kisten mit Käsetaschen, die ein Bäcker für die mittelosen Schüler spendet. Und die Bibliothek ist gut besucht. Ab und zu geht die gesamte Schule ins Theater.

Als die Schüler Van-Gogh Bilder replizieren sollten, war Patrinopoulos so begeistert von den Ergebnissen, dass er eines mit nach Hause nahm: jetzt hängt es in seinem Wohnzimmer. Für seine Lehrer überlegt sich Patrinopoulos eine andere Art der Bezahlung: Bildung. Regelmäßig darf das Kollegium auf Konferenzen und Fortbildungen fahren. In ihrer Freizeit verfassten sie Best-Practice-Broschüren für andere Schulen. Als Microsoft die Schule im Rahmen eines Förderprogramms auszeichnete, war für ein paar Monate Tohuwabohu.

Und dann kam der Moment, auf den Patrinopoulos und Perris so stolz sind, dass sie ihn fast im Duett erzählen. Vor einem Monat war das Geld alle. Das Pilotprogramm beendet. Das Interesse an der Vorzeigeschule der Vorgängerregierung war in Athen abgeflaut. Und die 18 Projektschulen sollten abstimmen, ob wieder zur Tagesordnung zurückgekehrt werden sollte. „Alle Lehrer wollten weitermachen“, sagt Patrinopoulos  und strahlt. Als einzige Schule hält die 26ste im olympischen Dorf an den neuen Methoden fest. Und Patrinopoulos setzt sich wieder an die Anträge bei der Europäischen Union, ruft wöchentlich in Athen an und holt ab und zu das angestaubte Bild vom Schrank.