Wenn der Nordmarkt das Herz der Nordstadt ist, dann ist die Mallinckrodtstraße ihre Aorta. Alles was die Nordstadt ausmacht - im Guten wie im Problematischen - zeigt ein Spaziergang.

Borsigplatz

Die Mallinckrodtstraße reicht von den hübschen Kleingartenkolonien am Dortmunder Hafen bis fast an den Borsigplatz, dem fast schon mystischen Gründungsort von Borussia Dortmund . Vorbei an fast allem, was die Nordstadt ausmacht. An Kiosken und Wettbüros, Fixern und Trinkern am Nordmarkt und dem Baumarkt, hinter dem der Straßenstrich war. Vorbei an Kindertagesstätten und einigen der unzähligen sozialen Projekte, die den Kiez wieder auf Vordermann bringen sollen.

Nordmarkt

Es ist ein kühler Septembermorgen in der Mallinckrodtstrasse, Ecke Nordmarkt. Nicht mal 6 Uhr, der Platz ist fast ausgestorben, nur ein paar Junkies drücken sich in einen Hauseingang und nesteln an etwas, das wie Alufolie aussieht.

Noch vor ein paar Monaten wäre der Bürgersteig vor dem Café Europa wohl voll gewesen. Neueinwanderer aus Bulgarien hätten dort gestanden, mit dicken Arbeitsjacken und dampfenden Kaffeebechern in der Hand. Sie hätten sich die Beine vertreten und auf die Transporter der deutschen Dachdecker, Fliesenleger und Fleischfabrikanten gewartet, die noch ein paar schwarzeirreguläre Arbeitskräfte für den Tag gebrauchen konnten.

Sie hätten darüber geredet, wo sie in der letzten Nacht geschlafen hatten oder über Fußball. Sicher wären auch ein paar Journalisten umhergestrichen. Mit oder ohne Kamera, aus Berlin oder aus Hamburg. Um von dem zu berichten, was sie „Arbeiterstrich“ nannten. Von türkischsprachigen Bulgaren, die busladungsweise ankommen, in schmuddeligen Matratzenlagern übernachten, um für ein paar Euro und ohne Sozialversicherung zu schuften. Oder einfach nur warten.

Aber die Aufregung hat sich gelegt. Wer arbeiten will, gibt seine Handynummer einem Vermittler und wird dann direkt vor der Haustür abgeholt. Heute stehen nur Fidan* und ein Bekannter vor dem Café Europa. Fidan ist Mitte 50 und sauer. Sie wartet auf den Besitzer des italienischen Restaurants, in dem sie seit einigen Wochen jeden morgen putzt. Immer komme der zu spät, kontrolliere aber, ob sie pünktlich da sei, sagt sie und deutet auf die kleine Überwachungskamera am Eingang.

Langsam gesellen sich noch ein paar Männer an die Ecke. Sie sind aus Gewohnheit hier, Arbeit gibt es ja keine mehr. Einer erwartet den noch ausstehenden Lohn für eine Woche Schuften auf dem Bau, bei einem türkischen Bauunternehmer. Einer ist froh, dass seine beiden Kinder so gut in der Schule zurechtkommen. Einer ist aufs Flaschensammeln umgestiegen, weil sich das Warten nicht mehr lohnte.

Mallinckrodtstrasse

Um kurz nach sieben sieht es auf der Mallinckrodtstrasse aus, wie überall in Dortmund: Kinder gehen zur Schule, verschlafene Radfahrer Richtung Arbeit, eine junge Frau zum Deutschkurs.

Malli 55

In der Mallinckrodtstrasse 55 ist es heute leer: die Familien sind auf dem Weg zum Nordmarkt, wo das Festival Djelem Djelem stattfindet, das einzige Festival für Romakultur in ganz Deutschland. Dort gibt es Kinderschminken, Volksmusik und jede Menge Essen und Trinken. In vielen Häusern der Mallinckrodtstrasse, vor allem für neu zugewanderte Roma-Familien eine häufige erste Anlaufstelle, gibt es nicht einmal Strom und Wasser.

Die Hinterhöfe stehen voller Unrat und wenn das Abwassersystem nicht funktioniert, rinnen wochenlang Urinbäche durch die Treppenhäuser. In die Presse geschafft hatte es das Haus gegenüber. In der Mallinckrodtstrasse 58 waren 83 Personen gemeldet, davon 55 Kinder. Das ARD-Magazin Monitor nannte das den „Slum nebenan“. Im offiziellen Duktus der Stadt Dortmund ist die Malli 55 ein „Problemhaus“.

Allein 169 davon wurden Ende 2014 geführt. Als Problemhäuser zählen Gebäude die von Obdachlosen als Schlafstätte genutzt werden, überbelegte Gebäude und solche in denen es hygienische Probleme gibt. Schon 2008 hat die Stadt Dortmund einen Arbeitskreis „Problemhäuser“ eingerichtet. Der tagt wöchentlich mit dem Ziel „Gefahrenabwehr“.

Viele der Häuser sind Spekulationsobjekte, die Eigentümer sind Fonds, denen am geregelten Betrieb der Wohnungen nicht viel liegt. Weil das Eigentumsrecht in Deutschland kompliziert und strikt ist, können die Hausbesitzer nicht einfach enteignet werden. Also soll bei Hinweisen auf schlechte Zustände das Ordnungsamt vorbeischauen und die Hauseigentümer mit „Nadelstichen“ dazu bewegen, sich um die Gebäude zu kümmern, so das aktuelle Pressepapier des Arbeitskreises. Im schlimmsten Fall droht die Räumung. Einige der Häuser hat die städtische Wohnungsgesellschaft DeGeWo gekauft, renoviert und neu vermietet.

In der Mallinckrodtstrasse 55 ist noch nichts passiert. Im Hof riecht es nach Urin und die Mülltonnen sind umgeben von einem Berg an alten Fahrräder, Waschmaschinen, Sofas. Drei Dutzend Namen stehen kreuz und quer über die Briefkästen gekritzelt. Ein alter Fahrstuhlschacht riecht so unerträglich nach Fäkalien, dass man nur das Treppenhaus benutzen kann.

Trotzdem ist das Haus voll bewohnt. Zum Innenhof haben die Wohnungen kleine Balkone auf denen bunte Röcke auf Wäscheleinen trocknen. Familie Minkov kommt aus Rumänien und ist seit acht Monaten in Deutschland. Acht Monate, in denen sie eine pieksaubere Wohnung mit zitronengelber Bettwäsche und einem Fernseher eingerichtet haben. In denen die Kinder (7, 11,11 und 13 Jahre alt) in der Schule ein mehr als passables Deutsch gelernt haben. Und acht Monate, in denen sich die Familie an die wöchentlichen Feuerwehreinsätze wegen der Junkies nebenan gewöhnt haben.

Nebenan, das ist eine ehemalige Zahnarztpraxis, davon zeugt das Schild unten im Treppenhaus, sowiedie riesigen Schubladenschränke, in denen die Patientenakten lagerten. Und der Empfangstresen auf dem eine zersplitterter Spiegel liegt, auf dem Rückstände von weißem Pulver und Reste von verkokelten Drogen kleben, neben etwas Alufolie und einer Karstadt-Geschenkkarte über 25 Euro.

Eine der alten OP-Leuchten ist auf eine schmuddelige Matratze gerichtet. Es riecht nach Alkohol und Schweiß. Wenn sich die Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben, sieht man, dass auf dem Boden ein junger Mann liegt. Zusammengekauert. Er schläft seinen Rausch oder den letzten Schuss aus. Der Boden ist kaum auszumachen unter einem Film aus Schutt und Müll. Eine Kinderjacke mit Hello-Kitty-Print, Netto-Discountertüten, Billig-Zigarettenschachteln und zurückgelassene Rucksäcke. Aus den Wänden ragen offene Leitungen.

Der Vater der Familie Minkov deutet mit finsterem Blick auf einen Rußfleck, neben den Drogenutensilien, den Grund für die wöchentlichen Feuerwehreinsätze. Dann schubst er den schlafenden Jungen unsanft von seiner Matte. Als er nicht reagiert, wird er laut. Ein zweiter Drogenabhängiger taucht auf. Nach kurzem Protest schlurfen die beiden mit blutunterlaufenen Augen aus der Wohnung. Als einer der beiden zurück will, um seine Jacke zu holen wird es Herrn Minkov zu viel.

Es gibt ein Handgemenge, Rufe, die Kinder und seine Frau kommen neugierig aus der Wohnung, um zu sehen was passiert. Herr Minkov schiebt die Junkies in Richtung Treppenhaus ruft: „Police, Police“ und gestikuliert dabei in Richtung seiner Kinder. Aber auch die Polizei hat Minkov schon gerufen, trotzdem waren die Junkies einige Stunden später wieder da. „Bzzzz“ macht Minkov und deutet mit den Händen einen Bohrer an. Die Tür zuschrauben, das würde vielleicht helfen. Aber Werkzeug hat Minkov nicht.

Volksfest

Einige hundert Meter weiter ist derweil das Volksfest Djelem Djelem im vollen Gange. Der Termin im Kalender der Nordstadt, an dem es nicht um die Probleme der ungewollten Neuzuwanderer geht, sondern um sie.

M190

Die Mallinckrodtstrasse ist ein Symbol dafür, wie sich die Bevölkerungsstruktur unserer Städte ändert. Das haben auch rechte Gruppierungen erkannt. Neben einer breiten rechtsextremen Szene gibt es in Dortmund Gruppierungen, die sich der Blood and Honor Bewegung nahe fühlen. Einer ultrarechten Organisation rund um eine rechte Band, die sich als terroristisch versteht, in Zellen organisiert ist und der die Nordstadt immer ein Dorn im Auge war. So kam es, dass Mehmet Mehmet Kubaşık, Besitzer eines großen Kiosks in der Malli 190, wahrscheinlich Opfer des Nationalsozialistischen Untergrundes wurde. Seither steht sein Kiosk leer.

Hafen

Wer der Mallinckrodtstraße Richtung Westen folgt, passiert Arbeiterwohnsiedlungen aus Backstein, in denen sich Kinder den schulfreien Nachmittag vertreiben. Sie schneidet den Dortmunder Hafen, auf dessen Gentrifizierung die Stadtentwickler warten. Und dann verlässt die Mallinckrodtstrasse die Nordstadt.