Die neuen Migrationsbewegungen aus Osteuropa verändern auch die Sexarbeit. Eine Reportage entlang der Schaufenster der Nordstädter Linienstrasse.

Zwei Jungs, vielleicht 16, bunte Markenturnschuhe, Pony über den Augen, drücken sich hinter der Blechwand am Eingang der Linienstraße herum. Die Blechwand soll ein Sichtschutz sein, vielleicht gegen die Mitarbeiter des Arbeitsamts gegenüber. Oder gegen die Passanten, die einige Schritte weiter zum Dortmunder Hauptbahnhof eilen, um einen Zug zu erwischen. Neben der Blechwand steht ein kleines Schild: Jugendlichen unter 18 Jahren sei das Begehen dieser Straße verboten. Dass das nicht stimmt, weiß eigentlich jeder. Die Linienstraße, mit ihren Schaufenstern voller Frauen, darf jeder betreten. Auch die beiden Jungs.

Ähnlich wie die Rotlichtviertel in  Hamburg und Amsterdam bietet die Linienstraße am Südzipfel der Dortmunder Nordstadt einen Raum für legale Sexarbeit. Lange gab es auch einen geduldeten Straßenstrich auf einem sichtgeschützten Parkplatz hinter einem Baumarkt. Nach langer Auseinandersetzung ist der aber einige Wochen zuvor endgültig verboten worden– aus Jugendschutzgründen. Einer von ihnen tippt jetzt auf dem Handy, der andere schlendert eine Papiertüte von Hollister am Handgelenk hin und her. Keiner spricht.

Vor ein paar Minuten waren sie noch zu dritt, bis sie ihren Kumpel bei Alexia* abgegeben haben: großer Busen, enges, lila Korsett, griechischer Pass, geboren in Nigeria. Sie arbeitet im „Belami“, einem burgunderroten Mehrfamilienhaus mit Leuchtschrift und Plastiklaternen. Linienstraße 2. Wahrscheinlich bekommt der Junge von Alexia das Standardprogramm: Sex mit Kondom ohne Extras. Das kostet dreißig Euro, weniger als sein monatliches Taschengeld.

Es ist noch nicht richtig dunkel, wenige Männer schlendern an den Schaufenstern vorbei. Ein paar stehen gegenüber an die schmutzige Rückwand eines Parkhauses gelehnt. Es sind weißhaarige Herren im Karohemd und in Funktionswesten. Einige junge Männer. Manche sind offensichtlich obdachlos, oder nur zum schauen gekommen. „He Du, ich kenne dich“, ruft eine der Frauen einem der Passanten zu. „Komm her, ich will Arschficken! Hallo! Junger Mann!“ Ein Taschendieb ist unterwegs, schlägt den vorbeilaufenden Männern kräftig auf die Schulter und steckt dabei die andere Hand in deren Jacken- und Hosentaschen.

Am Wochenende, sagt eine der Frauen, sei es manchmal richtig voll, so dass man kaum durchkäme. Jetzt tippen die meisten Frauen auf ihren Smartphones, viele Fenster sind leer. Auf den verlassenen Stühlen liegen Zigarettenpackungen, Aschenbecher, Red Bull oder Cola, eine Fernbedienung für den Fernseher oder das Radio. In den unteren Ecken der Fenster hängen A4 Zettel. „Carmen macht frei“, ist aber bald wieder da. Eine andere ist noch zwei Wochen im Urlaub, nebenan wird nach einer Aushilfe gesucht „für die Nachmittagsschicht“. In der Linienstraße 26 schaut eine ältere Frau mit blondem Bob gebannt Fußball auf einem kleinen Röhrenfernseher: die Borussen haben ein Heimspiel. Im Hintergrund sitzen bisweilen ältere Frauen im Trainingsanzug auf den Sofas, vielleicht die Hausherrinnen, vielleicht haben sie gerade ihre Schicht beendet. Nummer 24 ist in Schwarz-Gelb gestrichen „Die Linienstraße gratuliert zum Pokal“ steht über der Eingangstür. Hinter der Kabine am Fenster hängt ein Kalender, auf dem sich ein Mann räkelt.

„Hey, warum machst du Fotos von hier?“, fragt Laura* aus dem ersten Fenster der Straße. Na, die Straße habe doch auch ihre ästhetischen Seiten. Laura schaut skeptisch. „Na, Geld vielleicht.“, sagt sie dann und lacht brüllend. Laura ist erst seit einem Jahr auf der Linienstraße, aber Sexarbeit macht sie schon lange. Das Geschäft war noch vor einigen Jahren besser, aber Linie sei immer noch besser als Saunaclub. „Da verdient man mehr. Aber man muss eklige Sachen machen: Blasen ohne Gummi. Und mit jedem.“, sagt Laura. Auf der Linienstraße hat sie die Auswahl: wer ihr nicht gefällt bekommt das Fenster vor der Nase zugeschlagen. „Wobei, wenn ich anfange, aus denen auszusuchen, verdien ich ja nix mehr“, sagt sie grinsend und zeigt auf die Männer auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Viele Frauen wohnen in den Häusern über den Bordellen, hinter den heruntergelassenen Rollläden in den oberen Stockwerken kann man die Einrichtung erspähen. Spießige Blümchentapete, lila Licht, in Haus 10 hängt ein lebensgroßes Foto eines Vogel Strauß. Im Treppenhaus stehen Topfpflanzen. Laura wohnt nicht hier. Sie hat Familie in Köln. Jeden Morgen parkt sie am anderen Ende der Straße. Morgens, beim Vorbeilaufen, grüße sie die anderen Frauen. „Aber manche von denen tragen ja die Nase hoch und grüßen nie zurück“. Das Geschäft werde immer härter, sagt Laura. „Aber da weiß die Afrikanerin drüben besser Bescheid“, sagt Laura und wispert „die ist schon so zehn Jahre da, ist ja auch bisschen älter“. Aus Alexias Eingang ist mittlerweile der Junge geschlichen und mit seinen beiden Freunden aus der Linienstraße gehuscht.

Alexia sitzt auf ihrem Barhocker und scrollt durch Fotos auf ihrem Smartphone. „Zehn Jahre?“, ruft sie schrill, „Wer hat das erzählt?” Gerade mal ein paar Monate arbeitet sie hier. Alexia ist in Lagos, Nigeria geboren. Dann hat sie zehn Jahre in Griechenland gelebt. In Dortmund ist sie erst seit der Eurokrise. „Ich musste keine Steuern zahlen da, jetzt haben die halt kein Geld mehr. Selbst schuld. Da ist Deutschland besser“. Der nächste Freier lässt auf sich warten, Alexia hat einen Augenblick Zeit zum Plaudern. „Griechenland ist scheiße. Guck mal wie ich hier arbeite, und die wollen immer nur essen, nichts arbeiten.“ Einer der älteren obdachlosen Männer, die die Straße auf und ab stromern, tritt heran. „Stimmt gar nicht. Deutschland ist scheiße. Kindergärten sind scheiße, Schulen sind scheiße.“ Alexia rümpft die Nase: „In Deutschland zahlt man Steuern, jeden Monat an Ordnungsamt. Nur wenn jetzt so viele Flüchtlinge kommen gibt es Problem.“ „Deutschland ist scheiße“, grummelt der Obdachlose und wendet sich zum Gehen. „Und das weißt du besser als ich?“- „Genau.“- „Ach.“, sagt Alexia, winkt ab und scrollt wieder durch die Bilder auf ihrem Smartphone.

Am Ende der Straße ist Lärm. Der Taschendieb bekommt Ärger, sagt ein junger Mann, der schon eine Weile mit einer der Frauen spricht. Das passiere öfter. Gehört er zum Haus? Security oder so? „Womit denn, damit?“, lacht er und zeigt seine Oberarme. Er ist einer der regelmäßigen Freier. Die haben sich mittlerweile zu einer richtigen Szene entwickelt verabreden sich online zu gemeinsamen Bordellbesuche und verfassen Berichte und “Bewertungen” der Frauen auf der Linienstrasse und auch auf über die auf den Straßen des Viertels.

Die meisten der Frauen, die auf der Linienstraße arbeiten, kommen mittlerweile aus Bulgarien und Rumänien. So wie Julia*. An ihren Ohren Baumeln zwei riesige, Kreuze mit Glitzersternchen, die Brüste stecken in getigerten Dessous. Was sie hier arbeitet, hat sie ihrer Familie nicht erzählt. „Scheiße, oder?“ Ein kauziger Alkoholiker streitet sich mit einer der Frauen um seine Bommelmütze. „Blöde Puffnutte“, brüllt er. Früher war alles besser, seufzt Julia. „Mir haben sie die Autoscheiben eingeschlagen. Ich hab Polizei geholt, Anzeige gemacht, die haben den mitgenommen und gleich wieder gehen lassen. Die muss man doch einsperren, sonst kommt der doch wieder. Jetzt habe ich Gerichtsverfahren.“ Das seien die Marokkaner, sagt sie, und die Araber, die machen das Geschäft kaputt. „Nebenan aus der 24, der haben sie 200 Euro geklaut. Der Typ kam einfach rein, hat das Geld genommen und ist weg“.  Wenn was passiert, holen sie die Polizei, aber die kommt immer viel zu spät. „Ich glaube die haben selber Angst vor denen. Aber jetzt Schscht“, unterbricht sich Julia. Sie hat einen Freier erspäht. Mit dem Einbruch der Dunkelheit ist Leben auf der Linienstraße eingekehrt und die Frauen machen sich an die Arbeit.